Für Sammler ist diese Geschichte in Metall geschrieben, und die frühen Stücke stehen in der Datenbank in der Rubrik Automaten neben Musikautomaten und mechanischen Figuren. Dieser Beitrag zeichnet die Linie von dort bis zum Bildschirm nach, in fünf Etappen.
Der Bogen: Vom Blech zum Bildschirm
Am Ende der Linie stehen heute Angebote, die kein Blech mehr haben: Online-Spielotheken mit deutscher Zulassung, deren Regeln für Einsatz und Tempo direkt aus der Automatengeschichte stammen, wie ein Vergleich der WAZ zeigt. Dazwischen liegen hundert Jahre, und die beginnen in Deutschland nicht mit Walzen, sondern mit einer Kugel.
Etappe eins: Blech, Federn und der Bajazzo
Der Bajazzo, ab 1904 in Leipzig gebaut, war ein Wandgerät aus Blech und Holz, bei dem eine Kugel durch ein Nagelfeld fiel und mit einem beweglichen Clownskopf aufgefangen werden musste. Er stand in Gaststätten, kostete zehn Pfennig und zahlte bei Erfolg ein paar Groschen aus. Solche Geräte waren die Brücke zwischen Spielzeug und Glücksspiel, technisch näher an den mechanischen Spardosen als an Feys Liberty Bell, und sie wurden von denselben Blechwarenfabriken gefertigt, die auch Spielzeug lieferten. Wie eng diese Welten beieinander liegen, zeigt der Blick in die Sammlung des Deutschen Automatenmuseums in Espelkamp, das eine der größten Sammlungen historischer Automaten in Europa bewahrt, von 1890 bis in die Gegenwart, darunter Musikautomaten, Warenautomaten und Kraftmesser, die in denselben Gaststätten hingen wie der Bajazzo.
Etappe zwei: Die elektromechanische Ära
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Strom in die Geräte. Relais, Elektromotoren und Lichtanzeigen ersetzten Federn und Zahnräder, die Walzen blieben. In Deutschland wurde die Branche in dieser Zeit neu geordnet: 1962 trat die erste Spielverordnung auf Grundlage der Gewerbeordnung in Kraft, schon 1957 hatte Paul Gauselmann in Espelkamp den Automatenaufsteller gegründet, aus dem später die Merkur-Gruppe wurde. Die Geräte dieser Jahre, mit Namen wie Rotamint oder Mint, sind heute die begehrtesten Sammlerstücke der Nachkriegszeit, weil ihre Elektromechanik sich noch mit Werkzeug und Geduld restaurieren lässt und Ersatzteile aus Schlachtgeräten zu bekommen sind.
Etappe drei: Regeln aus Blech werden Regeln aus Papier
Die Spielverordnung schrieb erstmals vor, was ein Gerät technisch darf: Mindestspieldauer, Höchsteinsatz, Höchstgewinn, Verlustgrenze pro Stunde. Jedes Gerät braucht bis heute eine Bauartzulassung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig, die prüft, ob die Software die Vorgaben einhält. Die Branche organisiert sich im Verband Die Deutsche Automatenwirtschaft, der die Zahl der aufgestellten Geldspielgeräte und der Spielhallen dokumentiert, seit einigen Jahren mit deutlich sinkender Tendenz, weil Mindestabstände und Sperrzeiten viele Standorte geschlossen haben. Für Sammler ist das eine gute Nachricht: Aus geschlossenen Hallen kommen regelmäßig Geräte der achtziger und neunziger Jahre auf den Markt, die in zwanzig Jahren die Rotamints von heute sein werden.
Etappe vier: Der Bildschirm ersetzt die Walze
- 1980er: Mikroprozessoren übernehmen die Steuerung, die Walzen drehen noch mechanisch, werden aber elektronisch gestoppt.
- 1990er: Videoslots ohne physische Walzen, Bonusspiele, Risikoleiter. Die Grafik ersetzt die Mechanik, das Blechgehäuse wird zum Plastikkasten.
- Um 2000 wandern die Spiele erstmals ins Internet, zunächst von Anbietern außerhalb Deutschlands, rechtlich jahrelang ungeklärt.
- 2021: Der Glücksspielstaatsvertrag legalisiert virtuelle Automatenspiele bundesweit und überträgt sie ab 2023 der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder in Halle.
Etappe fünf: Die Online-Spielothek erbt die alten Grenzen
Wer heute eine legale Online-Spielothek öffnet, spielt nach Regeln, die dem Bajazzo-Aufsteller von 1910 bekannt vorkämen: ein Euro Höchsteinsatz pro Spiel, mindestens fünf Sekunden pro Durchgang, monatliches Einzahlungslimit, ein bundesweites Sperrsystem. Der Gesetzgeber hat die Grenzen der Spielverordnung schlicht auf den Bildschirm übertragen, und wer die alten Prüfplaketten der Bundesanstalt auf den Geräten der Sechziger kennt, erkennt das Prinzip wieder: Zulassung vor Aufstellung, technische Grenzen im Gerät, nicht im Ermessen des Betreibers. Neu sind Dinge, die ein Blechgerät nie konnte: Die Software meldet auffälliges Spielverhalten, und Anbieter müssen Hilfsangebote einblenden. Aufklärung und Beratung dazu bündelt das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit, das aus der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung hervorgegangen ist.
Was das für Sammler bedeutet
Die Geräte der ersten drei Etappen werden knapper und teurer. Ein restaurierter Bajazzo kostet heute einen vierstelligen Betrag, gut erhaltene Rotamint-Geräte aus den Sechzigern sind ebenfalls gesucht, und selbst die Videoslots der Neunziger finden inzwischen Käufer. Wer die Herkunft eines Stücks prüfen will, findet in der Datenbank museum-digital Vergleichsobjekte aus öffentlichen Sammlungen mit Datierung und Herstellerangaben. Und wer ein Gerät nur zum Vergnügen aufstellen will, sollte wissen, dass historische Geldspielgeräte in Deutschland privat besessen, aber nicht gewerblich betrieben werden dürfen.
Fazit: Das Prinzip hat sich nie geändert, nur das Material
Von Feys Gusseisen über Leipziger Blech und Espelkamper Elektromechanik bis zur App auf dem Handy führt eine gerade Linie. Jede Etappe hat die vorige nicht ersetzt, sondern ihre Regeln übernommen und ihr Material getauscht. Für Sammler heißt das: Die alten Geräte sind nicht Vorläufer von etwas anderem, sondern derselbe Gegenstand in seiner haltbarsten Form. Wer einen Bajazzo an der Wand hat, hat die Geschichte der Online-Spielothek bereits im Haus.
